Stehenbleiben oder Veränderung? Diese Erfahrung machen derzeit nicht nur Unternehmen, sondern auch viele Vereine. Besonders deutlich zeigt sich das beim Tierschutzverein Rottweil und Umgebung e.V., der in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Transformationsprozess durchlaufen hat.
Was zunächst nach einer lokalen Vereinsgeschichte klingt, ist in Wirklichkeit ein Beispiel dafür, wie auch kleinere Organisationen mit klarer Struktur, moderner Führung und gemeinsamer Vision zukunftsfähig sein können.
Der Verein blickt mit der Gründung 1885 auf eine lange Tradition zurück. Doch im März 2025 wurde nicht nur ein Kapitel aufgeschlagen, sondern der Start eines ganz neuen Buches neu geschrieben.
Nach 87 Jahren übernimmt erstmals seit den 1930er-Jahren wieder eine Frau das Amt der ersten Vorsitzenden. Ein historischer Moment, den ich besonders zum heutigen Internationalen Weltfrauentag würdigen möchte.
Aber das ist nicht alles. Ein Blick in die Vereinsgeschichte zeigt, warum dieses Ereignis nicht nur zum heutigen Tag bemerkenswert ist.
1936 übernahm Lydia Burger die Leitung des Vereins und führte regelmäßig Protokoll über die Arbeit. Ihr lag besonders am Herzen, Kinder und Jugendliche für Tiere zu sensibilisieren. Deshalb hielt sie an Schulen und Kindergärten im gesamten Kreis Vorträge über Tiere und Tierschutz. Doch 1938 griff die nationalsozialistische Regierung in die Vereinsstruktur ein. Eine Mustersatzung schrieb vor, dass Frauen nicht den Vereinsvorsitz innehaben sollten. Lydia Burger musste ihr Amt abgeben und arbeitete fortan nur noch als Stellvertreterin weiter. Die Leitung übernahm der damalige Stadtbaurat.

Dies ist wieder Mal ein Beispiel von patriarchischen Strukturen unserer gesellschaftlichen Historie und deren Auswirkungen, die sich bis zur Neubesetzung im vergangenen Jahr spürbar zeigten. Fast neun Jahrzehnte später schließt sich damit ein Kreis, ein neuer Zyklus beginnt und eine Frau übernimmt nun erneut die Führung des Vereins.
Mit diesem neuen Zyklus beginnt auch eine neue Art der Führung. Ein transformationaler, kooperativer Führungsstil mit möglichst hoher Empathie, Kommunikation und Teamorientierung. Ziel dabei ist, das volle Potenzial von Mitarbeitenden zu nutzen und Chancengleichheit zu schaffen.
Heute ist der Tierschutzverein Rottweil und Umgebung e.V. längst mehr als eine klassische gemeinnützige Organisation mit ausschließlich ehrenamtlichem Engagement. Das zugehörige Tierheim beherbergt jährlich rund 400 Tiere, arbeitet auf einem Gelände von über 1.100 m² (davon etwa 500 m² Gebäudefläche), verwaltet jährlich Ausgaben von etwa 500.000 Euro, zählt über 1.000 Mitglieder und beschäftigt 11 hauptamtliche Mitarbeitende sowie über 35 aktive ehrenamtliche Mitarbeitende.
Damit trägt der Verein nicht nur gesellschaftliche Verantwortung, sondern ist auch ein relevanter regionaler Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg.
Organisationsentwicklung wie in einem Unternehmen
Im Jahr 2025 begann ein umfassender Veränderungsprozess innerhalb der Organisation auf allen Ebenen. Der Verein wurde strukturell neu ausgerichtet entsprechend der aktuellen Gesetze und Richtlinien und entwickelte sich von einer stark zentralisierten Struktur hin zu einer modernen Aufbauorganisation mit klar definierten Teams.
Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten:
- Neuaufstellung der Organisations-, Team- und Personalstruktur
- Aufbau klarer Verantwortungsbereiche
- Entwicklung von Persönlichkeiten und Entfaltung vorhandener Potenziale
- Einführung moderner Arbeitsprozesse und digitaler Systeme
- Integration von KI-Tools in den Arbeitsalltag
- Ausbau der IT-Infrastruktur und Cyber-Sicherheit
- Durchführung von Arbeitssicherheitsmaßnahmen und Unfallverhütung
- umfassende Aufräum- und Strukturierungsarbeiten auf dem Gelände und in den Gebäuden für optimierte Arbeitsplatzorganisation
- energetische Reinigung des gesamten Betriebsgeländes
Parallel dazu wurde auch die Außenkommunikation deutlich intensiviert:
- Transparenz von Informationen durch eine optimierte Webseite
- Social-Media-Präsenz mit inzwischen mehr als 700.000 Reichweite auf Kanälen, wie Facebook, Instagram und YouTube
- E-Mail-Newsletter
- Kooperationen mit regionalen Unternehmen
- aktive Öffentlichkeitsarbeit durch Infostände und öffentliche Events
Ein wichtiger Schritt für mehr Öffentlichkeit war dabei auch die Veröffentlichung der ersten Ausgabe des Vereinsmagazins »Pfoten-Herzen-Heimat«. Das Magazin gibt Einblicke in den Tierheimalltag, klärt über Tierschutzthemen auf und zeigt, wie vielfältig und anspruchsvoll die Arbeit hinter den Kulissen eines Tierheims tatsächlich ist.
Ziel war es, die Sichtbarkeit des Vereins und die Bedeutung der Tierschutzarbeit in der Region nachhaltig zu stärken, um aufzuklären und dem wirtschaftlichen Wandel mitzugehen. So konnten neue Vereinsmitglieder gewonnen und zahlreiche Spenden gesammelt werden.
Was Unternehmen daraus lernen können
Die Entwicklung des Tierschutzvereins zeigt etwas, das oft unterschätzt wird: Veränderung ist nicht nur für große Unternehmen und bestimmte Branchen möglich. Auch kleine Organisationen oder gemeinnützige Einrichtungen können moderne Strukturen aufbauen, wenn sie bereit sind:
- alte Muster zu hinterfragen
- Verantwortung zu verteilen
- Menschen zu entwickeln
- und neue Technologien sinnvoll zu nutzen
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten, steigender Kosten und wachsender gesellschaftlicher Anforderungen wird diese Fähigkeit immer wichtiger.
Doch klar ist, dass Veränderung Mut braucht sowie professionelle Begleitung. Denn Transformation passiert selten von allein. Es benötigt dazu eine klare Vision, mutige Führungskräfte mit Bereitschaft für Veränderung und oft auch eine professionelle Begleitung von außen.
Im Fall des Vereins durfte ich diesen Prozess als Coach, Mentorin und 2. Vorsitzende intensiv begleiten und miterleben, wie aus gewachsenen Strukturen Schritt für Schritt eine moderne, zukunftsfähige Organisation entsteht. Das Ergebnis ist mehr als nur effizientere Abläufe. Es ist ein stärkerer Gemeinschaftssinn, mehr Transparenz und eine klare Ausrichtung auf die Zukunft.
Ein Blick nach vorn
Der Tierschutzverein Rottweil und Umgebung e.V. zeigt, dass auch eine gemeinnützige Organisation unternehmerisch denken kann, ohne dabei ihre Gemeinnützigkeit und Werte zu verlieren. Im Gegenteil - Struktur, Klarheit und moderne Führung schaffen den Raum, damit die Werte erst recht zum Vorschein kommen und das Wesentliche weiterhin möglich bleibt. Nämlich das, worum es im Kern geht: Tieren in Not ein Zuhause zu geben und gleichzeitig Menschen für einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen zu sensibilisieren.
Und vielleicht macht genau diese Geschichte anderen Organisationen und dir als Führungskraft Mut, den eigenen Wandel ebenfalls in Angriff zu nehmen mit mir als professionelle Begleitung.