»Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen – wir bezwingen uns selbst.«
Dieses Zitat von Edmund Hillary bekam für mich im August 2018 eine sehr reale Bedeutung.
Eine Bergtour in Osttirol mit einem Ziel: ein Gipfel auf über 3.050 Metern, Übernachtung in einem Biwak, gestartet in einem idyllisch gelegenen Dorf bei sommerlichen Temperaturen mit 14kg Gepäck auf den Schultern.
Was als Sommertour begann, entwickelte sich schnell zu einer echten Grenzerfahrung: Neuschnee im August, kaum erkennbare Wege, zunehmende Kälte, auftürmende Wolken in Richtung des Ziels, schweres Gepäck, mentale Erschöpfung.
Die Wege waren schon bald keine Wege mehr. Nicht mal mehr Pfade. Und es wurde mühsamer. Mein Rucksack fühlte sich immer schwerer an, obwohl das Gewicht durch aufbrauchen des Proviants immer weniger wurde. Über Geröll, Felsbrocken und Wasserläufe gingen wir den seltenen Wegweisern nach. Auch diese wurden immer weniger. Der Wind wurde stärker, die Kälte nahm zu und immer wieder steckten wir bis zu den Knien im Schnee am steilen Hang des Berges.
Und im Gegenzug dazu war es ein unbeschreibliches Gefühl so eins mit der Natur zu sein, die frische Luft zu atmen und diese gewaltigen kraftvollen Berge um sich zu haben. Ein Moment der absoluten Erdung und des Bewusstwerdens wie schön und machtvoll die Natur ist - und wie klein wir Menschen im Gegensatz sind.
Trotz auftürmenden Wolken und Schneeverwehungen, der schmerzvollen Strapazen, inneren Kämpfe, Tränen in den Augen und kraftvollen Ausdrücken war für mich klar: Umkehren ist keine Option. Nicht, weil es leicht war, sondern weil der Weg zurück schwieriger gewesen wäre als der Weg nach vorne.
Eine Lektion, die sicherlich jeder Unternehmer kennt
In diesem Moment passiert etwas Entscheidendes – nicht nur am Berg, sondern auch im Business: Der äußere Widerstand wird zum inneren Spiegel. Der Körper schmerzt, der Kopf zweifelt, die Gedanken werden laut:
»Ich kann nicht mehr!«
»Warum tue ich mir das an?!«
Doch genau hier entsteht Führung.
Nicht durch Kontrolle, nicht durch Perfektion, sondern durch die Fähigkeit, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Was mich weitergehen ließ, war keine Motivation im klassischen Sinne, es war ein tiefer innerer Antrieb. Wut. Klarheit. Fokus.
Eine enorme Energie und Kraft, die mich bewegte weiter zu gehen. Denn Wut ist ein Urgefühl und gezielt positiv eingesetzt, lässt sie uns über unsere Grenzen hinauswachsen. Wut entsteht in einem sehr alten Teil unseres Gehirns, im Limbischen System und sorgt für einen inneren kraftvollen Antrieb.
Mein Gehirn schaltete also in eine Art Kampfmodus um. Ein uraltes Programm im Gehirn, das aktiviert wird, wenn es ernst wird.
Als wir oben am Biwak ankamen wurde mir bewusst, zu welcher Leistung mein Körper wirklich fähig war. Eine Leistung insbesondere dann, wenn du nicht die Möglichkeit von Ablenkung oder Bequemlichkeit hast und einfach die Herausforderung an jemand anderen abgeben kannst. Du hast nicht die Möglichkeit einfach ein Taxi zu rufen, den Schneesturm abzuschalten oder dich hinzulegen und auszuruhen. Wir mussten ja vor Sonnenuntergang unser Ziel erreichen. Nein, in dem Moment stellt sich die Herausforderung in ihrer ganzen Größe vor dich und nur du kannst sie bezwingen. Nur du selbst kannst DICH bezwingen und dich der Natur unterordnen.
Im unternehmerischen Alltag zeigt sich das genauso: Wenn Märkte kippen, Entscheidungen schwerfallen, Verantwortung nicht delegierbar ist. Dann gibt es keinen »Aus-Knopf«, kein Taxi, kein Abkürzen. Dann gilt es, trotz Krisenzeit, Klarheit zu bewahren und souverän zu führen.
Führung heißt vorwärtsgehen und vertrauen, auch ohne Garantie
Oben angekommen war der Himmel plötzlich blau, der Schneesturm war weg und mir wurde klar, dass ein Großteil der Härte im Kopf stattgefunden hatte. Diese Erfahrung hat mein Selbstvertrauen nachhaltig verändert. Nicht nur, weil ich einen 3.000er bestiegen hatte, sondern weil ich mir selbst bewiesen habe, dass es möglich ist, auch unter Druck tragfähige Entscheidungen zu treffen und trotz stürmischen Zeiten weiterzugehen.
Eine Fähigkeit, die meiner Meinung nach jede Führungskraft braucht.
Das Biwak war eine kleine, urige Steinhütte mitten im Nichts mit einem Matratzenlager, einem Tisch und einem alter Holzofen. In der Nacht fielen die Temperaturen auf –10 °C. Trotz Erschöpfung fand ich keinen ruhigen Schlaf. Ich wachte auf, weil ich einen seltsam ölig-verbrannten Geruch wahrnahm und kaum Luft bekam. Hustend ging ich nach draußen. Als ich die Tür öffnete, riss der Wind sie auf und lüftete die Hütte.
Draußen stand ich allein. Nur mein Atem und die absolute Stille. Der Blick ins mondbeschienene Tal, umrandet von den beeindruckenden Bergen, ließ die Strapazen vergessen – ein Moment tiefer Klarheit und Dankbarkeit im Einklang der Natur.
Am nächsten Morgen erzählte ich von dem Geruch. Zunächst glaubte mir niemand. Doch dann stellten wir fest, dass die Petroleumlampen über Nacht angelassen worden waren. Sauerstoffmangel, stark rußende Flammen, auslaufendes Öl. Meine Wahrnehmung hatte mich nicht getäuscht. Diese Erfahrung zeigt, dass feinere Wahrnehmung kein »Zuviel« ist, sondern ein Frühwarnsystem.
Gerade im Arbeits- und Führungsalltag sind Menschen mit Hochsensibilität oft diejenigen, die Risiken, Stimmungen und Veränderungen früh erkennen. Führung heißt auch, diesen Wahrnehmungen zu vertrauen – bevor aus kleinen Signalen echte Probleme werden.
Widerstand ist kein Fehler im System
Reinhold Messner brachte es einmal auf den Punkt: »Nur weil ich viele Widerstände brechen musste, habe ich gelernt, dass man nur im Gegenwind abheben und fliegen kann.«
Wer jede Unsicherheit vermeiden will, wird nie erfahren, wozu er wirklich fähig ist. Widerstände sind keine Störungen – sie sind Trainingsfelder für Klarheit, Verantwortung und innere Stärke.
Es muss kein Berg sein. Aber es braucht Herausforderungen, die dich aus der Komfortzone holen – hinein in Eigenverantwortung. Denn Ideen ohne Umsetzung bleiben nur Theorie und Führung ohne innere Standfestigkeit bleibt Fassade. Und vielleicht ist genau der Widerstand, den du gerade erlebst, nicht dein Problem, sondern dein nächster Entwicklungsschritt.
In Dankbarkeit für jeden Widerstand.
Katharina
